Homunkuliden
Rezension
Rezension von Rupert Schwarz
Eine nette, kleine Diskussion: SF-Community
Diese Rezension wurde geschrieben von Rupert Schwarz und erschien zuerst auf "fictionfantasy"
Doktor Voraus ist unter seinen Kollegen gleichermaßen bewundert und gefürchtet. Sein brillanter Geist und seine Ideen regen alle Wissenschaftler an, doch seine Vorstellungen und manche seiner Einfälle entsetzen seine Widersacher. Sein jüngster Geniestreich gar entzweit das Land: Dr. Voraus hat einen Weg gefunden, wie ein Mensch in einen Jahre währenden Winterschlaf versetzt werden kann, in dem alle Lebensfunktionen zum Stillstand kommen. Natürlich bietet der Wissenschaftler gleich mehrere Anwendungsbeispiele, wie z. B. das Einschläfern von Arbeitslosen bis zum nächsten Wirtschaftsboom oder das kostensparende Verwahren von Verbrechern. Während die Regierung Dr. Voraus als Retter der Menschheit feiert, begehrt der Pöbel auf. Der Doktor ist enttäuscht, dass seine Landsleute die Brillanz seiner Ideen nicht erkennen wollen, und so beschließt er, sich selbst für 2000 Jahre schlafen zu legen. Die Menschen im 40. Jahrhundert werden seinen Geist und seine Ideen schon zu schätzen wissen. Doch alleine unternimmt der Professor diese Reise nicht. Sein Diener Lorenz Unterkofler will seinen Herrn nicht alleine in die ungewisse Zukunft reisen lassen. Die Menschen im Jahre 3907 werden bestimmt nicht wissen, wie sie die Bedürfnisse seines Herrn befriedigen sollen. Und so sagt der Diener seiner Verlobten Adieu und verschläft mit seinem Herrn 2000 Jahre. In der Zukunft werden sie wie Helden empfangen, und die Welt scheint friedlich und nahezu perfekt zu sein. Der Globus wird von den Homunkuliden beherrscht, Retortenwesen, die für ihren Lebenszweck gezüchtet wurden und zufrieden ihr Leben leben. Doch schon bald merken die beiden Zeitreisenden, dass der Preis für Glück und Wohlstand möglicherweise zu hoch war.

Rudolf Hawels Roman liest sich für sein Alter erstaunlich frisch. Es ist etwa hundert Jahre her, seit der Autor diesen utopischen Roman verfasste, und ein Reiz entwächst auch seiner Vorstellung der Zukunft. Manches hat er fast genau vorausgesagt, wie z. B. das Klonen von Menschen oder haltbare Straßenbeläge. Andere Dinge sind fantastisch, wie z. B. kabellose Elektrizität (wenn das mal nicht pure SF ist) oder die Luftschiffe der Homunkuliden. Wenn man so von Dr. Voraus und seinem Diener Lorenz liest, dann denkt man spontan an Phileas Fogg und seinen Diener Passepartout, der ständig in seiner kleingeistigen Art das Gesehene kommentiert. Wollen wir Hawel diese Anleihe verzeihen, denn sie macht den Roman deutlich lesenswerter und amüsanter. Außerdem spielt Lorenz beim Ende des Buchs eine ganz wichtige Rolle.

Die Neuausgabe dieses Kleinods der Phantastik verdient durchaus Anerkennung und Aufmerksamkeit. Wie immer lernt man einiges über die Welt des Verfassers, und man denkt sich oft, was für einen großen Unterschied doch 100 Jahre ausmachen. Manches scheint einem bekannt, aber manches ist doch sehr fremd und manches wird aus heutiger Sicht komisch und wirr. Bedauerlich ist, dass Herausgeber de Jong auf eine Biographie des Autors und auf ein Vor- oder Nachwort verzichtete. Dabei stellt sich der Leser doch einige Fragen: Wie wurde das Buch damals aufgenommen? Wer war Rudolf Hawel? Hat er noch mehr geschrieben? Wie stieß der Verleger auf dieses Buch und was interessiert ihn daran? Schade, bei seiner ersten Publikation hatte der Herausgeber deutlich mehr Augenmerk darauf gelegt.

Besonders wichtig wird dies in Hinblick auf den Roman: Doktor Voraus lebte in Wien, war aber Deutscher. In diesem Zusammenhang ist die Nationalität des Autors wichtig, denn dieses Detail wurde nicht ohne Grund gewählt. Wenn man also weiß, dass der Verfasser ein Österreicher war, dann bekommt das Buch einen anderen Stellenwert. Ist Dr. Voraus gar eine Karikatur des strebsamen, vergeistigten Preußen? Ich denke sehr wohl, dass Hawel in diesem Buch einige Seitenhiebe auf das große Nachbarland hat einfließen lassen. Und Lorenz, der Diener? Könnte er wiederum die Sicht des Österreichers darstellen? Auch das ist nahe liegend, denn obwohl Lorenz seinem Herrn nie das Wasser reichen kann, sind seine Gedanken und Handlungen hier und da durchaus richtig und klug. Also eine Metapher des Verhältnisses zwischen Deutschland und Österreich? Um das jedoch umfassend zu ergründen, müsste man sich intensiv mit der Zeitepoche beschäftigen und vor allem das Verhältnis von Österreichern und Deutschen ergründen. Aber auch so ist „Homunkuliden“ ein unterhaltsames Buch, das sich flüssig liest und dem Leser ein paar Stunden interessanten Lesevergnügens beschert. Insgesamt muss man sagen, dass Herausgeber de Jong sich viel Mühe mit diesem Kleinod gemacht hat - beide Neuversionen stammen aus seiner Feder - und es ist sehr schön, dass dieses sehr alte Stück Science Fiction Literatur noch einmal veröffentlicht wurde.